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günter g. müller De Haan (B), E-Mail

müller index

günter gabriela müller, 1951 in köln geboren,
studierte theologie,geschichte, kunst und germanistik
in köln und wuppertal,

Ausstellungen:

Buchhandlung Kösel, Köln 1974
Forum Bergisch Gladbach, 1975
dito. 1976
Galerie der Stadt Siegen, 1977
Theater Kefka, Köln 1980
Annosaal, Köln 1983
Klostergalerie, Köln 1986
Galerie Kirchhoff, Köln 1989
Volvo - Automobile, Aachen 1993
Galerie Dialoog, Ooostende 1997

Sichtbar Unsichtbar (Weiße Bilder und Rost)

Ein immer wieder missverstandener Kunstbegriff verleitet gerade bei abstrakten Arbeiten dazu, nach dem „Können“ zu fragen. Wo das Wiedererkennbare, also das Gegenständliche fehlt, da fehlt im Sinne dieser Fehldeutung auch das Können: Künstlerisches Können aber hat z.B. Paul Klee so verstanden: Der Künstler soll nicht das ( ohnehin ) Sichtbare zeigen, sondern das Unsichtbare sichtbar machen. Und damit beginnt das Verstehen für die abstrakte Kunst. Ein Haus mit akademischen Mitteln zu malen bedarf es keiner allzugroßen Übung. Seinen Geist jedoch herauszuarbeiten erfordert eine ganz andere Fähigkeit; der muss in Form und/oder Farbe so umgesetzt werden, dass für den Betrachter auch das „Dahinterliegende“ sichtbar wird.

Deshalb steht der Unvorbereitete oft vor einem abstrakten Bild und lehnt es ab, obwohl er nicht recht begründen kann, weshalb. Dass es ihm umgekehrt auch bei einem gegenständlichen Bild so ergehen kann, er also nicht weiß, warum es ihm gefällt, das vermerkt er oft nicht, weil Gefallen jedes Hinterfragen außer acht läßt.

Ein weiteres Missverständnis bei der Kunstbetrachtung liegt darin, dass allerorten verbreitet wird, Kunst spräche für sich. Ein Kunstwerk spricht immer nur durch den Betrachter! Wie der sich bereit findet, so wird das Werk sich öffnen. (Natürlich unter der Voraussetzung, dass es sich öffnen lässt.) Dazu bedarf es der Zeit. Und der Vorbereitung. Jede moderne Kunst hatte in ihrer Zeit Schwierigkeiten, verstanden zu werden. Selbst, ja gerade die sogenannte Pop- (uläre) Kunst verstand sich nicht aus sich heraus, sondern musste erklärt werden. Um so mehr eine Kunst, die in ihrer Symbolik immer individueller wird, und die weitaus mehr fordert, als nur den Augen-Blick. Sie fordert zunehmend den ganzen Körper des Aufnehmenden.

Damit wäre ein Zugang geschaffen zu den Arbeiten Günter G. Müllers. Sie stellen hinter dem Offensichtlichen Unsichtbares dar, sie fordern körperliche Aktivität, sie erwarten erfahrenes Wissen. Die Arbeiten verleiten geradezu zum Anfassen, zum Greifen, sie sind körperlich, selbst als Bild, sie sind sinnlich. Greifbar. Auch auf diesem Wege be-greifbar. In einer Welt des Plastiks und der Künstlichkeit, des allzu Glatten und Un-fass-baren geben seine Arbeiten scheinbar nutzlos Gewordenem, Weggeworfenem eine neue, vorher nicht erkannte Ästhetik. Er macht sichtbar, was nicht mehr wahrnehmbar erschien. Auch in diesem alten Sinne ist er Ästhet: einer, der wahrnimmt. Seine Werke der „arte povera“ zuzuordnen, fällt leicht. Im Sinne dieser italienischen Kunstrichtung benutzt er „arme“ Gegenstände, um sie in neuen Zusammenhängen zu bereichern. Seine Bildelemente treten in vielfache Beziehung zueinander, fast könnte man von menschlichen Beziehungen sprechen. Und trotz aller Spannung bewegen sich diese Elemente letztlich in einem harmonischen Miteinander. Damit leisten sie (so paradox das klingt) in mehrfacher Hinsicht Widerstand. In einer oft chaotischen, hektischen, unsinnlich gewordenen Welt bieten Müllers Plastiken und Bilder Ruhe und Gelassenheit, nicht zuletzt durch die minimalistische, auf wenige Komponenten reduzierende Syntax; seine Materialien knüpfen zudem an ursprüngliche Bedürfnisse wie Greifen, Tasten, Fassen an. Bedürfnisse, die oft genug nicht mehr gelebt werden.
Letztlich zeigen sich in seinen Arbeiten auch Widerstände gegen seine eigene Sichtweise: Waren die letzten Jahre geprägt von der Faszination des Weiß, wahrscheinlich in der Hoffnung auf das Reine an sich, so fand diese Richtung irgendwann unterwegs die Farbe. Wie es sich aber für einen gehört, der das Wesentliche sucht, bleibt es auch hier bei Reduktionen.

Seine Arbeiten entstehen auch nicht am Reißbrett, haben keine computergesteuerten Schnittflächen, sondern finden sich als Rohstoff an den Rändern der Straße. Der Prozess der Produktion beginnt beim Sehen.

Er findet Material und er fügt Erfahrungen hinzu.

Müller sammelt, wo immer er unterwegs ist: Schlacke auf der Bahnstrecke zwischen Ostende und De Haan, zerstörte Rohre auf Baustellen in Brügge, zurückgelassene Begrenzungspfeiler auf der Autobahnausfahrt irgendwo, er findet auf dem Bahnhof in Venedig, in den Vororten von New Jersey, irgendwo in Italien, an der Dordogne, auf, neben, an, bei .... Nicht zuletzt sammelt er Ein-drücke, die Menschen hinterlassen. Für die Suche dessen, was dahinter stehen mag.

Müllers Arbeiten sind nicht einfach zu verstehen. Sie erschließen sich in ihrer komplexen Ballung selten sofort. Manchmal geht es dem Betrachter damit, wie einem Menschen, der in einen sauren Apfel beißt: Erst im Nachhinein, beim Schmecken und Entwickeln des Aromas entsteht Geschmack nach Mehr. Ein Geschmack, der gelernt haben muss, dass Süße sich auch später einstellen kann.

Material und Farbe
Die Grundlage
Rupfen auf Holz bilden den Malgrund. Bei den reliefartigen Arbeiten liegt zwischen Malgrund und sichtbarer Fläche eine Armierung für den Belag, der wiederum aus einer Mischung von Binder, Gips, Sand und Farbpigmenten besteht.

Das Weiß
Farbe der Reinheit. Für Müller ist es die Basis, auf der sich alles andere entwickelt. Weiß ist der Traum, der sich im Bild manifestiert.

Die Farbe
Sie erscheint kraftvoll und pur. In Verbindung mit dem Rost ist es meist das Blau. Während Rot und (manchmal) Gelb zurücktreten, bildet Blau Transzendenz, ähnlich in der Tendenz des Weiß.

Der Rost
Rost lebt. Im Gegensatz zum Material, auf dem es liegt, lebt der Rost. Und er ändert sich. Außen wie innen. Langsam. Still. Und mit ihm ändern sich die Plastiken.

Gabriele Bonus-Tormann, Köln 1991

ausstellung ostende
rezension